Die Vierjährige wird fünf

Unvermeidlich im Leben einer Mama sind ja nur ein – oder zwei bis fünf Kindergeburtstage pro Jahr. Schön schaurig, nervenaufreibend, knallbunt. laut und unvergesslich. Und trotz der Tatsache, dass sich diese Rock’n Roll-Parties tief in das mütterliche Gedächtnis eingraben, sind wir doch immer wieder so geistig umnachtet, einen neuen Kindergeburtstag auszurichten. Mit allen Konsequenzen. Irgendwann lern ich’s noch. Ganz sicher. Ach, gebt mir einfach Schnaps.

Im Januar wurde meine wahnsinnig dickköpfige und bezaubernde Vierjährige fünf und wollte zum ersten Mal eine Party schmeißen. Thema: Meerjungfrauen. Was hab ich mich gefreut und die Läden und das Internet nach Meerjungfrauendeko abgeklappert. Luftballons, Konfetti, Hüte. Eine Arielle für die Torte. Ein Meerjungfrauen-Kostüm mit Schleppe. Einfach alles. Da schnappt man ja auch leicht mal über und hyperventiliert vor den prall gefüllten Regalen mit pastellfarbenem Kram, den man niemals kaufen wollte, jetzt aber unbedingt braucht. Ach her, damit. Ich nehm drei!

Und weil ich mich gerne erinnern möchte, was ich da mit mir selbst angerichtet habe, protokollier ich diese Feierlichkeiten gerne. Vergess das Erlebte dann wieder und tappe erneut in die Falle. Lernt von mir! Macht es nicht. Oder sediert euch vorher. Das geht auch. Here we go. Das Protokoll einer Meerjungfrauenparty in 75 Akten:

Der Kindergeburtstag wirft seine Schatten voraus und dank drei völlig aufgekratzter laufender Meter hier im Haus ist die Vorbereitung ein Klacks! Wir singen in Dauerschleife “Unter dem Meer” und ich versuche die frisch aufgeblasenen Luftballons vor klebrigen, kleinen, raffgierigen Händen zu retten.

Punkt 15:00 Uhr stehen schlagartig fünf Kinder vor der Tür. Der Hund verzieht sich augenrollend in seine Hütte und irgendwie hab ich das Gefühl, er ist schlauer als ich. Schon jetzt ist klar: auf Großbaustellen geht es ruhiger zu.

Nach der großartigen Vernichtung aller in mühevoller Kleinstarbeit zusammengekauften Donuts und unter flächendeckender Gestaltung des Holztisches mit Kakao, habe ich endlich heißen Kaffee vor mir stehen und beobachte Land unter beim Kinderschminken. Da muss ich mich mal selbst loben, ich habe einfach meine große Tochter (14) und eine ihrer Freundinnen in Geiselhaft genommen und sie zu Kinderschminkern und Spieledomteusen ernannt. Das Geburtstagskind ist aber mit dem Schminkergebnis leider nicht zufrieden und wirft Schwimmflossen durch den Raum. Ich spüre dezent meinen Puls am Hals.

Während die Motive auf den Gesichtern der Partygäste immer ausufernder werden, entdeckt eines der Kinder die Knete. Klassischer Anfängerfehler. Nicht gut genug versteckt. Nach der Party kaufen wir halt einen neuen Holztisch. Fasziniert beobachte ich, wie Knete mit Gummibärchen und Erdnussflips zu einem ganz fantastischen Klumpen verschmelzen und ich überlege, ob man das dem Hund als Leckerli andrehen könnte. Während ich noch vor mich hin fantasiere, haben die Fünfjährigen beschlossen, dass sie den Geburtstag unter sich aufteilen und ich weiß jetzt nicht, was das bedeutet. Aber ich hab Panik. Zeit für Schnaps.

Kurze Zeit später erklärt das Geburtstagskind die Party für beendet. Entdeckt dann aber die Knete. Geht weiter!

Da sich hier alles zu einem apokalyptischen Selbstläufer entwickelt, habe ich beschlossen einfach sitzenzubleiben. Vielleicht entdeckt mich ja keiner. So sitze ich also Gummibärchen fressend im Esszimmer, höre Vaiana, Schreie, sehe Knete fliegen und Matchboxautos und stelle mir vor, auf einer einsamen Insel zu sein. Im Hintergrund hat Alexa sich gerade freiwillig abgeschaltet, weil sechs Kinder Befehle durcheinander brüllen. Feel you, Alexa.

Ein sich zankender Ball aus Tüll und Glitzer kullert an mir vorbei: „Ich bin nicht mehr deine Freundin! Aber wenn ich das sage, bin ich trotzdem deine Freundin!“ Seid ihr auch verwirrt?

Leonie saugt übrigens – seit sie auf der Party eingetroffen ist – mit dem Minnie Mouse-Staubsauger das Haus: „Damit hier kein Fussel mehr rum liegt!“ Ich lache mehr als ich sollte. Viel Glück! Derweil läuft die Jüngste (3) des Hauses durchs Bild und ruft: „Ich muss kacken!“ Während ich mit ihr ins Bad eile, nutzt das Geburtstagskind die Gelegenheit sich seiner lästigen Kleider zu entledigen. Fast nackt feiert es sich eh am Besten. Und was bitte ist schöner, als als amtierendes Geburtstagskind im Feinripp ne Rede über Knete und Puppen zu halten.

Da es kurz vor 18:00 Uhr ist und die Kinder ja nicht nur von Apfelsaft und Knete leben können, schiebe ich die Pizza in den Ofen und stelle Schaumküsse und Pudding auf den Tisch. Wie immer erweise ich mich als kompetenter Komplettversager, denn die Kinder hier essen keine Schaumküsse und keinen Pudding. Naja, mehr für mich. Meine Fitnessapp gratuliert mir derweil zum aktivsten Tag der Woche.

Einer der Gäste legt sich vor die Anrichte im Esszimmer und angelt Staubbälle hervor. Da hat Leonie doch glatt was übersehen! Ein weiteres Kind legt sich dazu. Beide gucken interessiert unter den Schrank. Die sind da was ganz Großem auf der Spur. Ich spüre das. Ok, ok, in der Küche liegen zwei weitere Kinder auf dem Boden und schauen unter die Schränke. Vielleicht sollte ich da doch mal sauber machen. Ich trink lieber noch einen Schnaps.

Es ist kurz vor 19:00 Uhr und der erste Papa ruft an, wann seine Tochter wieder nach Hause kommt. Ich trau mich aber nicht, die Party aufzulösen, weil ich nicht weiß, wem welche Mütze ist. Oder welches Paar Schuhe. Oder welche Jacke. Ich lass die Kinder einfach hier und werde Alkoholikerin. Oder – ich Fuchs – lasse sie selbst ihre Jacken und Schuhe suchen. Das funktioniert erstaunlicherweise richtig gut. Und ich kann ein Kind nach dem anderen randvoll mit Pizza und Knete zu Hause abliefern. Zu Hause frage ich mich dann noch kurz, ob man so ein Kinderzimmer nach einer Geburtstagsfeier eigentlich aufräumt oder tritt sich das zu einem neuen Teppich fest? Anyway. Ich trink mir jetzt den Feierabend schön. Sowas mach ich nie wieder!

Es gab heute übrigens 54 Minipizzen. Paul hätte sich gefreut.

Feierabend.

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