Drei Jahre: Zwillinge

Heute vor drei Jahren ahnte ich noch nicht, dass ich gegen Abend hektisch in einen OP gebracht werden würde, eine völlig verstörte Krankenschwester hielt die Nabelschnur meines Sohnes in den Händen. Und ich hatte die Panik meines Lebens. Ich sollte in wenigen Augenblicken Zwillinge per Not-Kaiserschnitt entbinden.

Das Leben geht manchmal seltsame Wege. Die Schwangerschaft war nicht leicht und ich lag bereits seit zwei Wochen auf Station, weil die Zwillinge sich schon in der 28. Schwangerschaftswoche auf den Weg zum Geburtskanal gemacht hatten. Ein – rückblickend – irre blöder Streit mit meinem Mann hatte mich an diesem Tag so sehr aufgeregt, dass ich leichte Wehen bekam und kurz darauf platzte mir auf der Toilette die Fruchtblase und eine Nabelschnur kam hinterher. Ich war am Schreien. Panik! Was war da los? Meine ebenfalls hochschwangere Zimmernachbarin watschelte auf den Flur und rief um Hilfe. Die Ärmste war selbst total geschockt. Die Schwestern kamen gerannt und brachten mich zu meinem Bett. Die Ältere von beiden war ganz blass und sagte zu ihrer Kollegin: „Ruf im OP an. Wir haben einen Nabelschnurvorfall!“ Ich hatte keine Ahnung, was das war, spürte aber die Tränen sofort aufsteigen.

Ich weiß noch wie heute, dass ich alles wie durch Watte wahrnahm. Die Zwillinge waren doch noch nicht soweit! Sie waren zehn Wochen zu früh! Die Schwester hielt die ganze Zeit über die Nabelschnur und versuchte sie wieder reinzudrücken. Da war es kurz vor 18:00 Uhr. Innerhalb weniger Minuten stand das OP-Team bereit und ich dachte kurz: „Ich hab meine Strickjacke noch an.“ Für eine Not-OP wirst du ja nicht extra vorbereitet mit Patientenkittel, da muss es irre schnell gehen. Und es ging verdammt schnell. Die Schwester kauerte unterm OP-Tisch und hielt weiter die Nabelschnur. Zwei Anästhesisten erklärten mir schnell, aber ruhig, was sie gerade machten und dennoch hatte ich Angst, dass die Narkose nicht wirken würde. Die Narkosemittel waren ganz kalt in meine Blutbahn geschossen. Im nächsten Moment stand der diensthabende Arzt über mir mit Skalpell in der Hand und sagte: „Wir können loslegen.“ Alter! Ich bekomme ja nicht leicht Nervenflattern (doch), aber da war es echt soweit. Ich dachte wirklich, der Arzt schneidet los und ich bekomme alles mit. Im nächsten Moment jedoch wirkte die Narkose und ich war weg.

Eine Stunde später wachte ich auf und hatte Schmerzen. Das fühlte sich an, als ob blanke Nervenenden aneinander reiben würden. Der Schnitt quer über meinen Bauch schien wahnsinnig groß zu sein und zu pulsieren. Das werde ich nie vergessen. Auch das Zittern nicht und die trockenen Lippen. Meine Mutter und meine große Tochter standen am Bett. Der Arzt kam herein. Und lächelte. Um 18:04 Uhr hatte er meinen Sohn Neo entbunden. Um 18:05 Uhr seine Zwillingsschwester Luna. Beide atmeten von Anfang an selbständig und waren „kräftiger“ als angenommen. Mein Sohn wog 1.720 gr, meine Tochter 1.635 gr. Solche Zahlen und Worte können ungemein beruhigen.

Als mein Mann dann kam, wurden wir in die Neonatologie gebracht. Diese breiten Krankenhausbetten passen wirklich millimetergenau durch die Türen und an den vielen Gerätschaften vorbei. Wie in Zeitlupe wurde ich durch unzählige Türen gefahren. An die ungeheure Wärme auf der Frühchenstation erinnere ich mich gut. Und an die Schläuche, die vielen Bildschirme und leisen Pieptöne. Dieser Moment, als man mich in das Zimmer mit den zwei Inkubatoren schob, hat sich in mein Herz gebrannt.

Ich musste mich unter wirklich großen Schmerzen im Bett aufrichten, um sie sehen zu können. Durch Glas. Eingehüllt in Wärme und Licht. Diese winzigen Gesichter, diese kleinen zu Herzchen geschnittenen Pflaster auf den Wangen, die die Schläuche zur Atemunterstützung hielten. Winzige Mützen. Und diese durchschimmernde Haut.

Ich hatte Angst.
Ich war in Sorge.
Ich war unglaublich verliebt.
Die waren so klein!
Und hilflos!

Das war es also. Mein Bauch war leer und meine Babys lagen unerreichbar für mich in Brutkästen. Das ist ein ganz brutales Gefühl. Gerade wenn man den Moment der Geburt nicht erleben konnte, ist das wirklich hart. Ich habe nie wieder so viele Tränen vergossen wie an diesem Tag. Und alles was ich konnte, war vertrauen. Vertrauen auf die Ärzte, Schwestern und Pfleger, die Schulmedizin, die Erfahrung des Personals und den Kampfgeist meiner Kinder.

Der fragilste, furchteinflößendste und magischste Moment wartete aber schon: Als die Schwestern mir meine winzigen Babys mit all ihren Kabeln auf die Brust legten. So viel Liebe! Ab diesem Moment habe ich ihnen immer „Somewhere over the Rainbow“ vorgesungen. Das waren unsere Momente. Eingehüllt in nichts als Nähe. Liebe. Furchtbar tiefe Liebe. Diese Erinnerungen an all die Stunden, in denen ich im Sessel auf der Neonatologie lag, mit beiden bei mir, sind fest in meinem Herzen verankert. Da war auch immer noch diese Angst, dass sie mir doch noch genommen werden könnten. Gerade wenn sie beide Asystolien hatten und mich das rasche Piepsen der Überwachung ganz wahnsinnig machte.

Jedes Jahr am Vorabend ihres Geburtstages muss ich daran denken. Jedes Jahr bin ich aufs Neue voller Ehrfurcht vor dem Leben. Jedes Jahr danke ich den Ärzten und den unermüdlichen Schwestern, dass sie mich aufgefangen und meine Babys gerettet haben. Heute werden die Zwerge schon drei Jahre alt. Mein Sohn ist seit sieben Monaten diagnostizierter Diabetiker. Aber sie leben! Und das ist unbezahlbar. Sie sind vorlaut. Frech. Sie plappern ohne Unterlass. Rauben mir den Schlaf und meinen Platz im Bett.

Ist das nicht großartig?

Danke an das Helios Klinikum Erfurt. Danke an euer Kreißsaalteam, das Team der Neonatologie und die Schwestern und Pfleger von Station 35. Ihr rockt das Leben.

Ein Kommentar bei „Drei Jahre: Zwillinge“

  1. Eine unfassbar berührende Blog! Es hat mich sehr bewegt, Eure Geschichte zu lesen! In jedem Wort, jedem Satz spüre ich die Liebe zu Deinen Kids und die tiefe Dankbarkeit!
    Ich wünsche Euch alles erdenklich Gute, ganz viel Liebe, wunderbare kommende gemeinsame Jahre und viel Freude für deine Kids beim “Großwerden”. Herzlichst Sandra

Schreibe einen Kommentar