Einfach mal jammern

Egal wie lustig sich manches aus unserem Haus anhört, anstrengend ist es im Abgang immer. Irre anstrengend bisweilen. Manchmal so anstrengend, dass ich alles hinschmeißen und Hängematratzentester auf Bali werden will. Weil das aber nicht geht und ich mir dieses ganze laute Durcheinander irgendwie selbst ausgesucht habe, muss ich halt jammern. Das kann ich gut.

Als Dompteuse von fünf Kindern und eines verhaltensoriginellen Mannes habe ich das Jammern zur Kunst erhoben. Ich kann das laut, leise, sarkastisch, ironisch, ernst, mit Schnodder, ohne, schriftlich, mündlich, stehend, liegend, sitzend und auch gemalt. Aber vor allem kann ich eines gut: mich aufregen.

Das sollte man ab und an auch tun. Bevor man chronischen Flatterpuls bekommt oder die Aussicht auf einen netten Amoklauf am Montagmorgen im überfüllten Supermarkt ganz entspannend findet. Dann sollte man einfach mal Luft ablassen, aufs Feld raus und schreien, Schimpfwörter ins Tagebuch schreiben oder den Tag ganz einfach richtig scheiße finden und das auch sagen. Gerne in Schachtelsätzen. Dann verliert sich die Schwere der Belastung ein wenig. Denn egal wie stressig und nervtötend, wie zeitraubend und pulstreibend das Leben mit Kindern sein kann. Am Ende liebt man die Plagen ja doch. Wenn sie schlafen. Und keiner ans Nutella geht, außer den Eltern, die das dann schluchzend auf dem Sofa direkt aus dem Glas löffeln. Was wir hier natürlich niemals machen würden!

Diese ganze Instagram-Idylle von perfekt angezogenen Kindern, die friedlich im Garten spielen oder ohne Schokolade an den Händen auf der weißen Couch mit pastellfarbenen Kissen sitzen ist nett. Nett, hübsch anzusehen, aber ein Märchen. Am Ende des Tages kann ich mir nichts Schöneres (doch!) vorstellen, als hinter fünf Kindern herzuräumen, Schubladen wieder einzuhängen oder zerbrochenes Geschirr zusammenzukehren. Mein Sofa war nie weiß, aber orange, bis es liebevoll mit Mascara, Penatencreme, Kakao und Joghurt eingerieben wurde. Schöner wurde es dadurch nicht, aber fleckiger. In Berlin würde man das so bearbeitete Möbelstück in einem sonst spärlich eingerichteten Raum vor eine nackte Betonwand stellen und das als “Loft-Chic” über Airbnb untervermieten. Hier aufm schnöden Land ist das Sofa halt einfach kinderintensiv abgeranzt.

Das Lettering stammt von der wunderbaren Fräulein Hedwig | hier geht’s zu ihrem Instagram-Profil

Und das macht mich ab und an wahnsinnig. Jetzt könnte man sagen: Erzieh deine Kinder halt besser. Jetzt könnte ich mir das zu Herzen nehmen und mir Hilfe bei der Bundeswehr suchen. So ein bisschen Drill hat ja noch keinem geschadet. Aber: Nö. Die sind entweder noch zu jung, um zu verstehen, dass Joghurt nicht aufs Polster gehört. Oder sie haben es – dank kurzer Aufmerksamkeitsspanne – nach fünf Minuten wieder vergessen. Oder sie sind inzwischen zu Teenagern herangewachsen, die ja auch einen Berg Dreckwäsche in ihrem Zimmer liebevoll aus “Myll”-Kunst bezeichnen. Und die muss liegen bleiben, sonst kann’s ja keiner sehen. Oder sie sind vier und bockig und du bist eh die böse Mama, egal was du sagst. Ich rede mir ganz oft ein, dass ich gewonnen hab, wenn sie alle im Bett liegen und schlafen.

Dass ich zwischen Kindergarten, Schule, Wäsche, Arztterminen, Pflegedienst und Ehrenamt (Bin ich als stellvertretende Schulelternsprecherin ehrenamtlich tätig oder einfach nur bekloppt? Gute Frage, ne.), Kochen und Hausaufgabenhefte kontrollieren, keines der Kinder irgendwo in der Pampa vergessen habe, rechne ich mir jeden Abends aufs Neue hoch an. Und das war auch der längste Schachtelsatz heute.

Dass ich manchmal wie der Hulk laut schreiend aus der Haut fahren möchte, kann man das nachvollziehen? Meine Tage sind oft zu kurz, um alles zu schaffen. Die Wäsche bleibt liegen. Das Chaos im Wohnzimmer auch. Die Nächte sind anstrengend, wenn der Blutzucker vom Söhnchen mal wieder Achterbahn fährt und seine Zwillingsschwester partout nicht in ihrem Bett schlafen will. Dann hab ich plötzlich drei Kleinkinder in meinem Bett liegen und schlafe am Ende der Nacht am Fußende, weil die sich so verflixt breit machen. Dass ich trotzdem vor Liebe zerfließen könnte, wenn diese pausbäckigen Monster im Schlaf die niedlichsten Grimassen ziehen, sag ich lieber nicht. Dass ich stolz bin, wenn ich sehe, wie sich meine älteste Tochter entwickelt, verrat ich nicht. Dass ich ihren trockenen Humor und beißenden Sarkasmus liebe, weil sie den von mir hat, braucht sie auch nicht zu wissen. Dass meine Stieftochter aufblüht und bald auf die weiterführende Schule wechselt, macht mich froh. Dass meine Vierjährige so ein wundervoll altkluger Dickkopf ist, das sage ich ihr täglich. Und sie sagt mir, dass ich eine liebe alte Mama bin.

Und trotzdem möchte ich manchmal die Tür hinter mir ins Schloss fallen lassen und ans Meer fahren. Allein. Nur die Wellen und ich. Warum ich das nicht mache? Weil das alte Auto die Strecke nicht mehr schaffen würde und ich sowieso nach einem halben Tag heulend wieder zu Hause säße, weil ich diese Horde Kinder und dieses Leben schrecklich vermissen würde. Bekloppt. Ich weiß. Ihr würdet es ja auch nicht anders machen. Gebt es ruhig zu.

4 Kommentare bei „Einfach mal jammern“

  1. Es gibt einfach Tage die morgens schon können.
    Mein persönlicher Luxus ist ja diese halbe Stunde um die Mittagszeit wenn das gröbste Chaos beseitigt ist, noch kein Kind zu Hause ist und man weiß das der Haushalt nur noch absehbare Aufgaben bereit hält bevor die kleinen Nervensägen aus der Kita kommen

  2. Diese Stunde finde ich auch großartig! Sollte man viel intensiver nutzen.

  3. ein wundervoller blogbeitrag! soooo wahre worte, von tränen vor lachen bis hin zur rührung – bei dir ist einfach immer alles dabei und ich liebe deine sarkastische, direkte art!! ich habe zwar keine kinder & das kann man auch ganz gewiss nicht vergleichen, aber unsere zwei hunde können einen auch ziiiiemlich verrückt machen.. aber nen mann, den gibt‘s hier – zählt ja fast als kind, oder?

  4. Männer zählen eindeutig als Kinder. 😀

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