Flöhe auf dem Flohmarkt

[ Gastbeitrag ]

Hallo und herzlich willkommen zum ersten Gastbeitrag auf meinem Blog. Aufgeschrieben hat diesen Tatsachenbericht die liebe Karina, die ich schon eine sehr lange Weile kenne. Wir beide teilen das Schicksal, Zwillingsmütter zu sein. Von einem Pärchen. Kalt erwischt. Alle beide. Und unser rabenschwarzer Humor rettet uns ein ums andere Mal über den Tag. Das Leben mit Kindern ist kein Ponyhof. Aber auf dem Flohmarkt wird es erst richtig unterhaltsam. Aber wer bitte, ist auch so masochistisch veranlagt und liefert sich mit drei kleinen Kindern, einem Marathon zwischen Ramschtischen aus. Ihr ahnt es: Karina. Lest selbst. Bitteschön:

Flöhe aus dem Sack – Nachflohmarkt mit drei Kindergartenkindern

Zweimal im Jahr gibt es in Osnabrück einen Nachtflohmarkt. Eigentlich eine tolle Sache, keine fliegenden Händler, nur private Stände und man kann tatsächlich das ein oder andere Schnäppchen machen. Mittlerweile sind meine Kinder ja auch schon groß und – ach – für ein Stündchen mal mit den Dreien da drüber gehen wäre bestimmt toll. In meiner romantischen Vorstellung vom Familienleben malte ich mir das Ganze in den schönsten Farben aus und erzählte den Kindern schon mittags von meinem abendlichen Vorhaben. Im Dreiminutentakt wurde ab diesem Moment gefragt, wann es denn endlich losgehe. Anfängerfehler.

Die Stunden zogen sich wie Gummi, aber irgendwann fand ich mich tatsächlich mit drei kleinen Kindern in der Innenstadt wieder. Nach fünf Minuten Fußmarsch tauchte die erste Straßensperrung auf und ich versammelte meine Brut um mich, ging in die Hocke um noch einmal die Verhaltensregeln ins Gedächtnis zu rufen. Erstaunlicherweise konnte die drei alles aus dem FF heraus aufsagen. Ich händigte kleine Taschenlampen aus die ich zuvor im 1 Euro-Laden erstanden hatte und die Kinder blendeten sich schon mal zur Probe gegenseitig.

Oskar, der Älteste, hatte als einziger Bargeld bekommen mit dem saublöden Versprechen von mir, sich davon kaufen zu dürfen was er wolle. Die Diskussion darüber wie unfair das doch sei, hatte ich schon am Nachmittag mit meiner Tochter geführt. Zähneknirschend hatte sie es schließlich akzeptiert und tat deshalb auch jetzt noch mal ihren Unmut darüber kund, indem sie ihren Bruder im vorbeigehen anrempelte und halb laut “Doofie” murmelte. Ich nahm je einen Zwilling an die Hand und ging Oskar hinterher, der gleich auf den ersten Stand zusteuerte.

Mittig auf dem reich gedeckten Tapeziertisch befand sich eine Tasche mit Inlinern, Arm- und Beinschonern. Er fragte die nette Dame dahinter was die denn kosten sollen. Sie sagte “Zehn Euro”, genau sein Budget! Ohne zu zögern sagte der kleine Mann: “Nehm Ich!”  – “Hmm Oskar, besser nicht” sagte ich und lächelte die Frau entschuldigend an. “Guck mal, das ist Größe 41. Du hast 33, die passen dir noch ganz lange nicht. Kinder, bitte die Taschenlampen auf den Boden halten und nicht die Leute blenden.” 

Die Zwillinge fuchtelten nämlich derweil wild mit den Lampen fremden Menschen im Gesicht herum. Während Oskar lautstark rummaulte, zog sich mein linker Arm wundersam nach unten und aus dem Augenwinkel heraus sah ich, wie mein Kleinster die Straße aus nächster Nähe ableuchtete und dann wütend die Taschenlampe wegschleuderte, weil “auf dem Boden leuchten total scheiße ist”. Die billige Taschenlampe zerfiel in alle Einzelteile. Oskar trauerte immer noch die Inlinern hinterher und Lina zog mich nach rechts, weil da irgendwas glitzerte. Ich ließ die Zwillinge los, ermahnte nochmal, dass sie stehen bleiben sollten und sammelte die Einzelteile der Taschenlampe zusammen.

Nach einem kurzen Rundumblick hatte ich auch die in Windeseile verschwundenen Kinder wieder im Blick. Ok, alle lokalisiert. Ich ging zu meiner Tochter, die sich an einem anderen Stand gerade in alle siebzehn ranzigen Barbies auf einmal schockverliebt hatt:. “Jasper, halt mal meine Taschenlampe.” Er nahm sie und augenblicklich fiel ihm ein, dass seine ja kaputt war. Aus Wut darüber warf er die Taschenlampe seiner Schwester an den Kopf und… – Überraschung – natürlich zerfiel auch die in ihre Einzelteile. Lina brüllte los, wrestelte ihren Bruder um und von jetzt auf gleich rollten sich zwei Vierjährige zwischen Barbies auf dem Boden rum.

Während ich die beiden auseinander zerrte und die Barbies wieder aufreihte, hörte ich Oskar hinter mir erzählen, dass es nur Mist gibt und er wieder nach Hause will. “Ich auch”, dachte ich noch, aber redete ihm gut zu doch weiter zu gehen. Begleitet von ständigem Nörgeln, weil sie keine Taschenlampe mehr hatten, fühlte sich der Große nun angespornt ständig mit seiner anzugeben. Fünf Meter weiter, für die wir jetzt circa dreißig Minuten gebraucht hatten, stand ein findiger Verkäufer, der zum Nachtflohmarkt kleine Taschenlampen anbot. Ich zahlte zähneknirschend sieben Euro für zwei Taschenlampen, die ich zwei Tage vorher im 1 Euro-Laden erstaunlicherweise günstiger erworben hatte.

Ich hörte Oskar freudig rufen: “Mamaaa, ich habe mir was gekauft!”. Ja und was? Natürlich eine Taschenlampe! “Jetzt hab ich zwei, für jede Hand eine.” Seufzend beglückwünschte ich ihn zu seinem Kauf und nahm die Zwillinge wieder an die Hände. Mittlerweile war es stockdunkel und so richtig, richtig voll. Es ging jetzt nur noch darum, sich durch die Menschenmassen zu schieben. Zwei, ich schätze mal Studenten, waren so richtig schlau und schoben ihre Räder zwischen Besuchern und Ständen durch. Es war einfach kein Vorbeikommen an den beiden und sie versperrten leider auch die Sicht auf viele Stände.

Meine Tochter war besonders genervt davon, weil sie direkt hinter einem der Räder gehen musste. Sie nörgelte lautstark und begann gegen den Hinterreifen zu treten. Der Radschieber guckte sich um, auf der Suche nach dem Attentäter: “Du nervst, geh mit deinem Fahrrad hier weg!” Ich überlegte kurz, ob ich ihr sagen solle, etwas höflicher zu sein, aber eigentlich war ich der gleichen Meinung und tat so als hätte ich sie nicht gehört. Von meiner linken Seite höre ich: “Mama, guck mal Müllwagen!” Jasper fuchtelte mit seiner Taschenlampe in eine ungefähre Richtung. “Ja Schatz, wir gucken gleich.” Rechts von mir sehe ich Lina, die gerade den Gepäckträger aufklappet und lautstark wieder zuschnappen ließ. Oskar und sie klatschten sich ab und bogen sich vor Lachen. (Anmerkung von ruhepuls180: kennt ihr die Superstrolche? Das sind sie!)

Der Radfahrer drehte sich um und blickt die beiden Kinder mit Unschuldsmienen böse an. Ich solle meinen Kindern doch mal Benehmen beibringen! Ich entgegne, dass seine Eltern dies bei ihm ja auch vernachlässigt haben. Schnaubend dreht er sich um und schiebt weiter. In Zeitlupe. in älteres Pärchen hinter mir kichert und beglückwünscht mich zu der Antwort.

Links ertönte wieder: “Mamaaa, da! Müllauto!”  – “Ja Schatz, wir gucken gleich”. Rechts von mir leuchtete Oskar den Hintern vom Radschieber ab und Lina lachte laut und dreckig: “Dickpopo, oh oh oh, Fetti Fetti Feeeeettiiiii!”. Himmel, mein Puls! Ich schaute, ob wir rechts oder links an den Radfahrern vorbeikommen, keine Chance, mittlerweile hatten die sich zwar den Unmut zahlreicher Besucher eingehandelt, schoben aber seelenruhig und höchstinteressiert weiter.

Das Kind links von mir hatte nun offenbar die Nase voll:”MAAAAMAAAA! MÜLLWAGEN! JEEEETZT!” Quasi zeitgleich fing es rechts an ziemlich laut zu zischen. Ungefähr so, als würde jemand Luft aus einem Reifen lassen. Nein, genauso. Ich sah mit einem Blick – Oskars Idee, Lina der ausführende Partner. Ich schob mich schnell nach links drängelnd vorbei Richtung Müllwagen und zog Lina eilig hinterher. Oskar musste so lachen, dass ich die Befürchtung hatte, er würde gleich einpullern. Der Radfahrer seinerseits fluchte wie ein Rohrspatz, ich hörte Applaus und ein liebreizendes “Ätschibätschi, du hast gar keine Luftpumpe, selbst schuld” von meiner Tochter. Es kam plötzlich Bewegung in die Massen und die Menschenmenge drängte die beiden Radschieber an den Rand. Endlich ging es vorwärts.

Jasper bekam seinen Müllwagen und war glücklich. Und ich schweißgebadet. Es fing dann als i-Tüpfelchen an zu regnen. Die Kinder bekamen schlagartig schlechte Laune. Alle drei. Ich schlug hoffnungsvoll vor, so langsam zum Bus zu gehen. Aber da rebellierte das Tochterkind. Die Jungs hatten schon was bekommen und sie nicht. NIE würde ich ihr was kaufen, sie sei wie Aschenputtel und überhaupt bekäme sie nie Essen und Trinken und ihre Kleidung sei nass und sie könne nicht mehr laufen und ihr täte alles weh und ich kümmere mich NIE um sie. Es war sehr schön. Die Lautstärke beachtlich und ich versuchte gar nicht erst die Blicke der anderen Flohmarktbesucher zu deuten. Ich sagte ihr, dass sie sich etwas aussuchen soll und weitaus geräuschärmer konnten wir weiter.

Madame legte das Tempo vor. Das sah ungefähr so aus: Sie rannte, so schnell sie vorwärts kam, an den Ständen vorbei und kommentierte jeden mit: “Alles blöd, weiter”.  Ich folgte. Insgeheim war ich recht froh, dass wir nun so fix vorankamen. Plötzlich blieb das kleine Mädchen unvermittelt stehen, die Augen wurde groß und fast ehrfürchtig zog sie aus einem Karton am Boden eine kleine Meerjungfrau heraus und betrachtete sie von allen Seiten. Irgendwas auf dem Tisch hatte auch Oskars Interesse geweckt und ich hoffte einfach, das es nicht die dritte Taschenlampe war.

Ich fragte Lina, ob sie das Püppchen haben wolle und sie nickte andächtig. Der Karton hatte die Aufschrift “Jedes Teil 50 Cent” und ich bot ihr großzügig an sich noch etwas auszusuchen. Jasper fing an zu weinen, er war müde. Lina wollte nur die eine Puppe, Oskar bezahlte irgendwas und stopfte es in seinen Rucksack. Jasper saß mittlerweile auf dem Boden und wollte nicht mehr weiter gehen. Wir waren inzwischen alle vier klatschnass und ich nahm Jasper auf den Arm, um ihn zu tragen. Lina und Oskar wechselten sich ab mit Jammern und Schimpfen. Und wir hatten natürlich Glück, der Bus fuhr uns vor der Nase weg. Zwanzig Minuten warten. Immerhin waren wir vor dem Regen geschützt. Die zwanzig Minuten dehnten sich zu einer gefühlten Unendlichkeit von zwanzig Stunden aus und ich war unglaublich froh, als ich endlich die Wohnungstür aufschließen konnte.

Die Zwillinge brachte ich zuerst ins Bett und ging dann zu Oskar, der mir strahlend eine zerknitterte Jahrmarkt-Rose überreicht. “Hab ich dir gekauft, Mami”. Ach, so schlimm sind die ja doch gar nicht.

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