Mama ist sauer.

Ach Leben, alte Rinde. Ich hatte so eine schöne, romantisch verklärte Vorstellung davon, wie es sein würde, wieder arbeiten zu gehen. Mit fünf Kindern, Haushalt, Arztterminen, Hobbies. Das sah wunderbar pastellfarben mit Seifenblasen und Regenbogen aus und ich habe mich wirklich richtig drauf gefreut. Endlich wieder den Hauptteil des Tages mit Erwachsenen verbringen. Was tun. Geld verdienen. Gemeinsam Familie wuppen. Schön.

Und dann kommst du. Ganz toll. Ehrlich, wir müssen reden. Das geht so nicht weiter.

Nehmen wir doch einfach mal das was an erster Stelle steht: die Kinder. Vielleicht habe ich den Aufwand überschätzt, den drei bockige Kleinkinder und zwei Teenager morgens machen. Okay, die Teenager muss ich manchmal nur ganz eilig aus dem Bett holen, weil sie mal wieder verschlafen haben. Aber die Kleinen. Ey! Das war so nicht abgemacht! Das erste Kind, das morgens schläfrig um die Ecke kommt, hat meistens abgrundtief schlechte Laune und möchte jetzt auf der Stelle seine perfekt angewärmte Milch haben. Wenn die Milch 0,5 Grad zu warm oder zu kalt ist, dann brennt die Luft. Diktatoren können sich bei ihr eine Scheibe abschneiden. Der zweite Schlumpf, der dann anwatschelt, möchte gleich ein Toastbrot mit Nutella und seine Insulinspritze haben. Und die Dritte im Bunde lässt sich gar nicht erst wecken, die zieh ich an, während sie noch im Schlaraffenland Zuckerwatte von Bäumen futtert. Falls sie tatsächlich vom Strümpfe anziehen wach werden sollte, rollt die Granate sich meistens wieder in die Decke ein und sagt “Jetzt nicht, Mama. Ich muss noch schlafen.” Was soll man denn da machen? Die liegt da wie ein Burrito in meine Bettdecke eingewickelt und schnarcht! Richtig spaßig wird es meist erst dann, wenn die drei ihre Schuhe und Jacken anziehen sollen. Dann merken sie plötzlich, dass sie sich heute noch gar nicht gestritten haben und gehen laut brüllend und Kuscheltiere schwingend an der Garderobe aufeinander los. Das sind diese kleinen Momente, in denen ich hinschmeißen will. Jeden verdammten Morgen.

Ich hab in den letzten beiden Monaten, in den ich wieder arbeiten gehe, aber auch dazugelernt. Ich habe mir Routinen angeeignet – die Kernkompetenz jeder Working Mum. Routinen! Ohne die geht nix. Mit aber auch nicht, macht euch da nichts vor. Ich kann die schönsten Kleidungsberge abends zurecht legen, sie werden morgens von den drei apokalyptischen Reitern als nicht tragbar kategorisiert.

Das zieh ich nicht an!

Bäh, das ist hässlich!

Du bist eine böse Kackamama!

Wenn der Wecker morgens klingelt, schleich ich mich ins Bad. Das ist schön. Das sind zehn bis fünfzehn Minuten absolute Ruhe, in denen ich duschen und aus mir einen weniger gruseligen Zombie machen kann. Dann trinke ich den lauwarmen Kaffee aus der Thermoskanne, den mein Mann übrig gelassen hat und mache mich ans Brote schmieren und Obst schnippeln. Wenn die Kindergartenrucksäcke gepackt sind, schlurft meistens das erste Kind an. Dann ist es vorbei mit der Ruhe und dann arbeite ich gegen die Uhr. Eine Stunde Puffer bis zur Fahrt zum Kindergarten sind gar nix. Und wenn sich der Hund an diesem Morgen noch dazu entscheidet, ausuzreißen, sobald ich das Tor geöffnet habe, dann möchte ich eigentlich gleich wieder zurück ins Bett, mir die Decke über den Kopf ziehen und schlafen. So drei Monate am Stück.

Aber ich weiß ja auch, warum ich wieder arbeiten gehe. Zum einen muss ich schlichtweg Geld verdienen und in die Rentenkasse einzahlen. Zum anderen wollte ich auch endlich wieder das Gefühl haben, mehr als Hausfrau und Mutter zu sein. Bestätigung finden, dass man auch als Arbeitnehmer wertvoll ist. Und: ich wollte endlich wieder Geld haben, um meinen Kindern Wünsche erfüllen zu können. Nicht immer zu meinem Mann gehen zu müssen, wenn neue Schuhe fällig sind oder die Hosen zu kurz werden. Das ist ja eigentlich ganz einfach. Ich wollte wieder halbwegs auf eigenen Beinen stehen. Simpel. Oder? Dafür lohnen sich der Aufwand und der Stress. Ich weiß ja, für wen ich das alles mache.

Am Ende des Tages ist es so: Im Grunde packen wir Mütter unsere Arbeit on top. Das ist das Sahnehäubchen auf dem Alltag, den wir ohnehin jeden Tag durchleben. Die Wäsche wartet nicht, der Einkauf, das Kochen, das Abwaschen, Staubsaugen, Betten machen. Die Kinder brauchen Hilfe bei den Hausaufgaben oder wollen beschäftigt werden, sind krank, brauchen neue Schuhe. Wir müssen Rechnungen bezahlen und den Tisch decken. Wir müssen Brote schmieren und Nudelwasser aufsetzen. Wir müssen zu Elternabenden und Lernentwicklungsgesprächen. Haben den Kalender voll mit Arztterminen, Vorsorgeuntersuchungen und Kindergeburtstagen. Ich war lange Zeit alleinerziehend und habe Hochachtung vor jeder Mutter und jedem Vater, der den Alltag mit Kind und Arbeit allein stemmt. Das ist ein Marathonlauf an jedem verdammten Tag. Ich ziehe auch den Hut vor allen Eltern, die sich neben der Arbeit die Pflichten in Schule, Kindergarten und Haushalt teilen. Die an einem Strang ziehen und den Partner nicht allein damit lassen. Denn so fühle ich mich. Und an dieser Stelle merke ich, dass weder Arbeit noch Kinder mich stressen, sondern etwas ganz anderes: mein Allein sein.

Und vielleicht ist es deshalb so anstrengend und ich muss mich noch besser organisieren. Denn so traurig das ist, ich bin verheiratet und doch allein mit dem Alltag. Ich habe aber keine Zeit wütend zu sein. Oder zu streiten, warum mir Hilfe versprochen wurde, ich sie aber nicht bekomme. Ich habe keine Zeit dafür, mich als kleine, dumme Telefonistin beschimpfen zu lassen, weil ich nicht schon wieder allein nach dem Abendessen Ordnung machen will. Ich weiß, dass ich das nicht bin. Und ich weiß, dass ich mich nicht erklären muss. Ich weiß aber wohl, dass ich kommende Woche bereits um 7 Uhr anfange zu arbeiten und sich der Stress morgens dadurch potenzieren wird, weil meine Kleinsten dann einfach noch sehr müde sein werden. Ich weiß auch, dass ich kommende Woche mit meinem kleinen Diabetiker zum Kinderkardiologen muss, weil er Asystolien hat und das abgeklärt werden muss. Ich weiß, dass ich nächste Woche Termine an der Schule meiner Großen habe. Ich weiß, dass ich viel fahren und organisieren muss. Dass ich Essen kochen und Frühstücksboxen packen muss. Dass ich Wäsche sortieren und staubsaugen muss. Dass ich nach Hausaufgaben und Schulinformationen schauen muss. Dass ich die Vertretungspläne von zwei Schulen im Auge behalten und die Großen daran erinnern muss, ihre Sporttaschen auszuräumen. Ich weiß auch, dass ich wieder Insulinfaktoren berechnen und Essenspläne abarbeiten muss. Ich weiß auch, dass wieder tausend Sachen liegen bleiben oder ich Termine vergessen werde. 

Ich weiß aber auch, dass ich meine Kinder liebe und dann auch damit leben kann, dass ich im Grund allein erziehend bin. Denn ohne Hilfe ist man das. Meine Schwester lebt 400km weit weg. Meine Mutter kann mir oft nicht helfen. Arzttermine und Elternabende decke ich zu 95% allein ab. Den Haushalt sowieso. Ich war ewig nicht mehr laufen, habe seit Monaten kein Krafttraining mehr absolviert und fresse aus Frust viel zu viel in mich rein. Aber irgendwie muss es gehen. Das Leben wartet nicht. Mir fehlt halt einfach die Zeit, mich beleidigt zu fühlen. Ich möchte lieber schlafen.

Deshalb wird das jetzt ein Appell an alle Eltern, gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Ich hab es hier versucht und hab geredet und gebeten und gebettelt und geschimpft. Ich habe mir Schulterzucken und blöde Sprüche eingefangen. Aber ich kann mich auf meinem verletzten, beleidigten Ego nicht ausruhen. Denn meine Kinder sind wichtig. Ihre Kindheit ist mein Alltag. Und die kann ich ihnen nicht mit meiner schlechten Laune verhageln. Dann muss ich es halt alleine wuppen. So what. Wird schon gehen. Das haben andere kurz vorm Burn Out sicherlich auch gesagt.

Denkt doch einfach dran: Viel schöner ist gemeinsam. Nicht wahr? Dann trägt nicht einer die Last des Alltags. Sondern beide. Dann werden die Schultern auch leichter. Dann ist die Zeit nicht immer so verdammt knapp. Und man hat das Wochenende tatsächlich mal frei für einen Ausflug. Ohne Stress. Einfach nur so, zum abschalten. Wär das schön. Denkt mal drüber nach. Seid kein Arsch, helft eurem Partner. Ist eigentlich nicht schwer. Danke für die Aufmerksamkeit.

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7 Kommentare bei „Mama ist sauer.“

  1. Stefanie Teubner sagt: Antworten

    Ach meine Liebe…. ich sitze hier und versuche deine Worte zu verdauen!
    Es macht mich wütend und traurig zugleich, wenn ich sehe, dass man als arbeitende Mama in der heutigen Zeit alles alleine stemmen muss, obwohl man doch mal geschworen hat: In guten wie in schlechten Zeiten gemeinsam zu gehen!!
    RESPEKT ist das tiefe Gefühl, was ich für dich empfinde und ich wünsche mir von Herzen, dass Deine Kraft nie ausgeht und du deinen wunderbaren Humor bei dem täglichen Wahnsinn nicht verlierst!
    Fühl dich von Herzen gedrückt!!!

  2. Wow und danke für diesen Blogeintrag. So blöd es klingen mag (bei mir sind es nur drei Kinder), aber die Situation ist ähnlich. Ich war auch lang allein erziehend und nun bin ich es gefühlt wieder. Trotz Partner. Trotz Betteln, Bitten, Flehen, Weinen, Streiten. Es hilft nichts. Es muss weitergehen.

    Ich danke dir für deine Worte! Denn ich fühle mich so schrecklich oft allein. Ich habe keine Freunde, keine Verwandtschaft hier. Da sind nur die Kinder – und ich (und der Mann, der nicht zählt).

    Danke! Und fühl dich gedrückt. Mich hält ein “es wird besser – irgendwann!” seit 22 Jahren über Wasser – und davon 12 Jahren als Mama.

  3. Ich drücke dich…!!

  4. Dieser Blog sagt mehr als tausend Worte und es ist gut, dass Du Dir den Frust von der Seele schreibst, sonst geht Du daran nämlich zugrunde. Ich hoffe, Dein Mann liest den Blog auch- aber ob er merkt um wen es da geht…… Ich war – und bin- mit nur einem fast erwachsenen Kind allein erziehend, obwohl es einen Mann gibt. Der arbeitet aber in der Woche weit weg und die Wochenende will man ja nicht mit Streit verbringen. Aber ab und an reicht es einfach und es muss alles raus und dann kracht es, weil der andere einfach gar keine Ahnung hat, was so ein Leben mit Kind bedeutet. Ich weiss, Du liebst Deine Kinder und die brauchen Dich. Aber was ist mit Dir- nur funktionieren und existieren geht auf Dauer nicht gut. Schreib Deinem Mann mal eine Liste mit genau den Dingen, die Du jeden Tag so wuppen musst und eine andere Liste, mit den Dingen, die er jeden Tag macht. Ratet mal, welche Liste wohl länger ist….??? Vielleicht fällt es ihm auf. Hoffentlich. Pass Du bitte auf Dich auf – sein im Gedanken geknuddelt.

  5. Hier ist es nur ein Baby. Ich will mir nicht vorstellen wie du dich fühlen musst. Ich übernehme seit Anfang an alle Nächte. Das Katzenklo wird auch immer von mir gemacht (es sei denn ich bitte stark das er es übernimmt, zu 90% vergisst er es). Das letzte Fläschchen sauber machen klappt momentan immerhin meistens. Ein Spruch war auch gut “lass das Wochenende doch mal Wochenende sein” als es darum ging das ich dieses jenes welches noch wegräumen/aufräumen muss. Das es danach trotzdem wieder an mir hängen bleibt ist egal. Genauso wie wenn er Essen machen muss, weil der Kleine nicht so mitgemacht hat wie gewollt, es bleibt alles liegen, für mich am nächsten Tag, wenn der Kleine endlich ein Schläfchen macht. Es ist alles so ermüdend und anstrengend.
    Beneidenswert wie du das mit 5 Kindern packst!

  6. Liebe Doreen. Es ist früher morgen und eigentlich wollte ich Wäsche machen, Spüli ausräumen und und und. Dann kam mir dein Blogpost dazwischen. Allein – genau das trifft es voll. Verheiratet und doch Alleinerziehend – mein “,Familienmodell“. Ich hab vollen Respekt , vorallem dass du so darüber schreiben kannst. Das zeigt, dass viele von uns im selben Schlamassel stecken. Und es zeigt, wir sind nicht allein! Bitten, flehen, streiten hilft alles nichts, im Gegenteil es führt zu noch mehr “Allein“ sein, zu innerem Alleinsein. Ich wünsche dir viel Mut und du bist nicht allein! … also dann jetzt …Kaffeemaschine, Spülmaschine, Wäsche….

  7. Ich habe nur zwei Kinder und kenne das auch – das allein sein mit all den kleinen und großen alltäglichen Aufgaben und den Aufgabenlisten, die man als Mama immer noch im Hinterkopf hat. Und das zusätzlich zum bezahlten Job. Mein Freund hat auch nie verstanden, was mich so stresst und wieso ich abends so kaputt war. Mitgeholfen hat er höchstens nach wiederholter Aufforderung. Seit August sind wir getrennt – natürlich nicht nur deswegen. Aber mir geht es damit super, auch wenn die Arbeit nicht weniger wird. Aber der Groll, dass da jemand ist, der helfen sollte und könnte, es aber nicht tut, ist weg. Ich mach weiterhin alles allein, aber immerhin ohne Wut im Bauch. Ich hoffe, dein Mann wartet nicht bis zur Trennung oder deinem Burnout, bevor er einsieht, dass auch er seinen Teil tragen muss! Alles Gute für dich.

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