Murmeln im Kopf

Die Kinderärztin vom Kassenärztlichen Notdienst setzt ein ernstes Gesicht auf: „Versprichst du mir, dir nie wieder eine Murmel ins Ohr zu stecken? In die Nase auch nicht?“ Die Vierjährige schaut auf ihre Schuhe und zuckt mit den Achseln: „Nein.“ O.k. Und hey, super, dass sie jetzt weiß, Murmeln passen auch in Nasenlöcher. Danke!

Wie ist euer Notaufnahme-Schnitt mit Kindern? Wir sind das vor ein paar Tagen mal durchgegangen. In fast 14 Jahren mit inzwischen fünf Kindern kommen wir auf zweimal Notaufnahme. „Kein schlechter Schnitt“, sag ich und bereu es sofort. Eltern kennen die Regel: freust du dich über das Ausbleiben von Katastrophen treten sie augenblicklich ein. Logisch.

Mein Mann hat Spätschicht und ich schaukel die 5-Kinder-Woche allein. Am Donnerstag haben wir zwei Termine beim Kieferorthopäden mit den Teenies – der Großen wird endlich die feste Zahnspange entfernt – und ich spiele seit Tagen im Kopf durch was alles schief laufen könnte. Mit Luna hab ich nicht gerechnet.

Weil der Nachmittag relativ ruhig läuft, will ich die Kommode im Schlafzimmer aufräumen. Die Zwillinge laufen mir nach und Luna fängt sofort an, auf unserem Bett zu springen und lacht sehr laut, immer wenn ich sage, sie soll runter vom Bett, bevor sie sich den Kopf stößt oder runterfällt… bis, ja genau, sie sich den Kopf stößt. Mit Anlauf und geschmeidigem Sprung direkt mit der Stirn vor die Kommode. Zack! Platzwunde. Blut. Geschrei. Mama hyperventiliert und weiß für einen kurzen Moment nicht, was sie machen soll. Ich schnapp das Kind, tacker die Platzwunde mit einem Einhornpflaster, sehr stilvoll, ruf meine Mutter an, dass sie rüberkommen soll (oder hat das meine große Tochter erledigt?), pack das blutende, schreiende Kind ins Auto und fahr los.

In der Notaufnahme geht dann alles ganz schnell. Der Chirurg nimmt uns gleich mit rüber ins Mutter-Kind-Zentrum, wo die Maus, die inzwischen wesentlich ruhiger als ich ist, teilsediert und örtlich betäubt wird und dann kommt die Nadel. Leute, das war keine meiner Sternstunden. Nach dem dritten Stich werde ich aus dem OP gerollt und bekomme ein Eis. Das zerrupfte Kind kommt wenige Augenblicke später genäht und gesäubert zu mir und bekommt auch ein Eis, das ich essen darf. Krankenhäuser machen dick! Da sie keine Anzeichen einer Gehirnerschütterung hat, dürften wir nach einer Stunde wieder nach Hause. Dort waren inzwischen die Tatortreiniger zu Gange gewesen… als sei nichts passiert. Das war der Mittwoch und ich fertig mit der Welt.

Der Donnerstagmorgen ist wunderbar hektisch und nachdem ich zwei Kinder im Kindergarten abgegeben habe, eins in der Schule ist, bin ich mit der großen Tochter und dem Platzwundenkind auf dem Weg zu, ersten Kieferorthopädentermin des Tages. Denkste, Puppe! Aus Platzwundenkind wird auf der Fahrt Gehirnerschütterungskind und der Teenager wird im Schweinsgalopp an der Arztpraxis rausgeschmissen, ich rufe meine Mutter erneut um Hilfe – einer muss den Teenie ja dann zur Schule fahren – und checke mit der Jüngsten wieder in der Notaufnahme ein. Nächste Station Kinderchirurgie, wir bleiben zur Beobachtung. Was für ein Spaß! Nachdem ich vom Krankenhaus die nächsten zwei Tage aus organisiere, übernimmt mein Mann die Wache bei unserem Unfallkind auf Station und ich fahr nach Hause Sachen packen. Wir verbringen einen total nicht schönen Abend und eine recht anstrengende Nacht im Klinikum und dürfen am nächsten Morgen wieder nach Hause. Halleluja!

Damit das alles nicht langweilig wird, fahren wir alle zwei Tage zur Kinderärztin für die Nachsorge und schieben noch einen Kontrolltermin mit vier Kindern beim Augenarzt ein. Die Zwillinge prügeln sich im Untersuchungszimmer und auf der Rückfahrt kotzt mir ein Kind das Auto voll. Ich freu mich. Weil ich mich so freue, hole ich die Kinder am nächsten Tag schon mittags aus dem Kindergarten. Und rechne nicht mit Hannah.

Das Elterngesetz besagt ja auch, dass Kaffee grundsätzlich kalt oder gar nicht mehr getrunken wird. Der ruhige Moment, in dem ich mich mit einer Tasse Kaffee auf den Balkon setze, wird durch hektisches Getrappel aus der Küche unterbrochen. „Mama! Ich habe eine Murmel im Ohr!“ Was zur Hölle. Auf die Frage, wie die da rein kommt, ernte ich einen verständnislosen Blick: „Na, ich hab die reingemacht!“ Warum? „Weiß ich nicht.“ Ok. Alles klar. Das Ding lässt sich nicht entfernen. Meinen Nerven lösen sich rasant auf und ich packe alle Kinder ins Auto, um zwei Orte weiter alle Kinder ohne Murmel im Ohr bei meiner Mutter auszuladen und zum dritten Mal binnen einer Woche ins Krankenhaus zu fahren. Denn die Murmel schmerzt langsam. In der Notaufnahme frage ich nach dem Doktor, der Murmeln aus Ohren holt und werde lachend an den Kassenärztlichen Notdienst eine Etage höher verwiesen. Dort wartet schon eine Ärztin, die sich das Malheur ansieht und das verflixte Ding aus dem Ohr entfernt. „Wie heißt du, Ärztin? Wie ist dein Name? Ich hab ein Pflaster am Knie! Guck mal! Was ist das?“ Eine Sedierung fände ich jetzt gerade echt schön. Für mich. Da das Murmel-im-Ohr-Kind ausdrücklich keine Besserung gelobt und nun außerdem weiß, dass Murmeln auch in Nasen passen, verabschieden wir uns bis zum nächsten Mal und verschwinden in den Sonnenuntergang. Mit einer BiFi in der Hand. Mütter schlauchen macht hungrig.

Gerade eben hat mein Sohn seiner großen Schwester einen Spielzeugeimer auf den Kopf gehauen und ich bin derart geschädigt, dass ich schon die Autoschlüssel für die Fahrt ins Klinikum in der Hand hatte, als sie dann schreiend zu mir kam. Leute! Das Leben an sich lässt niemanden so rasant altern wie im Zusammenspiel mit Kindern. Ich hab jetzt auch immer einen Schnaps im Haus. Okay, vielleicht vier.

7 Kommentare bei „Murmeln im Kopf“

  1. Liest sich wie einen spannenden Krimi

  2. Oh je – man weiss nicht, ob man lachen oder heulen soll. Auf jeden Fall kann ich nicht mit eigenen Erfahrungen in dieser Ausprägung dienen. Aber ich bin immer noch der Meinung, Du solltest ein Drehbuch schreiben oder besser noch, einen Regisseur direkt in euer Leben einladen. Andere Serien laufen ja auch jahrelang und das hier wäre Real-life. Halte durch – irgendwann wird es besser!

    1. Beim dritten Weg ins Krankenhaus wollte ich nicht mehr, da gingen die Nerven kurz mit mir durch. So eine Woche brauch ich nicht nochmal.

  3. Schnaps ist immer gut! Und eine Oma als Backup nicht verkehrt, wie man sieht…
    Ich kenne sowas und inzwischen auch so einige Ärzte der Kinderambulanz.
    Hier flattertr letztens eine Rechnung über 10 Euro ins Haus für eine Fahrt mit dem Krankenwagen, die genau 1 Jahr zurücklag (der 5jährige war am späten Abend die Treppe heruntergefallen und keiner von uns Eltern wollte mit ihm alleine in dir Klinik fahren, aber die anderen schlafenden Kinder mussten beaufsichtigt werden).
    Ich hatte übrigens als Kind mal ein Weidenkätzchen in der Nase – die panischen Augen meiner Mutter sehr ich immer noch vor mir… Sie ging zum Glück ohne ärztliche Hilfe wieder raus!

    Gute Nerven weiterhin!!!

  4. Ich finde ja, dass du ein Buch schreiben solltest! Im Ernst! Man weiß wirklich nicht, ob man lachen oder weinen soll, aber es ist superspannend! Ich lese sooo gerne deine Geschichten! ❤️

    1. Danke dir <3 ich plane es tatsächlich, sobald ich ausgeschlafen habe.

  5. Ich lese auch super gerne deine Beiträge, du schreibst so schön lebendig und wir kennen es alle, diese Momente, wo man als Mama denkt: Jetzt geht NICHTS mehr! Und das Leben einem zeigt: Doch da geht noch viel mehr und man will statt schreien plötzlich lachen, weil es so wahnsinnig ist. Fühl dich lieb gedrückt! Ich hab nur 2 Kids und hab immer gesagt: Mein Herz reicht für 4 Kinder, aber meine Nerven so gerade eben für zwei 😉

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