Ostern war früher auch mal ruhiger

Es gibt keine Zeit im Jahr, die ich mehr fürchte als zusammenhängende Feiertage. Kaum hab ich Weihnachten überlebt, klopft der Osterhase an die Tür. Wie ich dieses Langohr hasse! Schulferien, Feiertage, Kinder zu Hause! Ich liebe diese kleinen Terroristen. Ja, wirklich. Jeden. Einzeln. Nur als Zusammenrottung sind die schlimmer als jede Horde Zombies. Die rollen einfach über alles drüber, zerstören, schlachten aus, richten Unheil an und sind dabei so fürchterlich laut am lachen. Jeder Horrorfilm ist Kinderkacke dagegen! Was nun folgt ist eine Chronik meines körperlichen und geistigen Zerfalls über die Feiertage.

Donnerstag

Ich bin so schlau und hole – gemeinsam mit meiner großen Tochter – die drei Kleinsten schon mittags vom Kindergarten ab. Lautstarke Randale auf allen Spielplätzen des Ortes. Wir ziehen wie ein Heuschreckenschwarm durch das Dorf. Und? Glaubt ihr, die schlafen abends ein? Randale im Wohnzimmer! Wunderschön.

Karfreitag

Was isses schön. Wir entschließen uns, Ostereier zu färben und zu bemalen. Leider habe ich es dieses Jahr völlig verbimmelt, Eierfarben zu kaufen. Also behelfe ich mir – jetzt kommt’s – mit Fingermalfarben. Normalerweise bin ich wirklich nicht so blöd. Fingermalfarbe! Das sollte doch als Warnung schon ausgereicht haben. Aber nicht bei mir. Nicht, wenn Kaffee Nummer 3 kalt wird, weil ich drei Schreihälse auseinanderhalten muss. Das blöde an Fingermalfarben ist ja, dass man die an den Fingern hat. Und der Kleidung. Den Möbeln. Dem Fußboden. Den Tapeten. Dem Putz. Der Brille. Und durch den Raum flutschende Eier haben in der Rückblende aber doch etwas verstörend Schönes. Fast wie romulanische Kampfschiffe.

Kurze Zeit später sitzen die Zwillinge auf der Couch – und fangen sie an sich zu beißen. Währenddessen lackiert die Vierjährige das Klavier des Teenies mit grünem Glitzerlack. Als endlich Ruhe ist, brüllt die Uroma aus dem Erdgeschoss nach oben, dass sie die gestern gesuchten Batterien gefunden hat. Toll. So wie der Karfreitag mit fünf Kindern zu Hause bislang gelaufen ist, gehe ich mit hoher Wahrscheinlichkeit davon aus, dass ich den Ostermontag nicht mehr bei klarem Verstand erleben werde. Freut ihr euch auch so?

Es war fünf Minuten lang ruhig. War ja klar, dass die Vierjährige den Bastelkleber der großen Schwester klaut und damit Puzzleteile an den Kleiderschrank klebt. Hätte man ja ahnen können. Nach Ostern muss ich das Haus dringend nach Gefahrenquellen für mein Nervenkostüm absuchen. Im Grunde muss alles weg. Wir müssen umziehen. Irgendwohin, wo nix ist. Kein Kleber, keine Farben, keine Scheren, kein Nix.

Natürlich gibt es keinen Mittagsschlaf, denn wir hoffen auf einen ruhigen Abend. Nach fast 14 Jahren Elternschaft, sind wir tatsächlich noch so naiv zu glauben, dass Kinder abends früher einschlafen, wenn sie tagsüber nicht dazu kommen. Lacht ihr auch leise vor euch hin?

Die zwei jüngsten Töchter sitzen also abends neben mir auf der Couch und ich frage: „Seid ihr jetzt bitte lieb und ruhig?“ Zwei Köpfe drehen sich zu mir. Zwei Köpfen nicken. Zwei Zuckerschnuten sagen: „Ja!“ Nun ja: Hab dann den Untertitel eingeschaltet, damit ich den Film verstehe.

Ostersamstag

Ich öffne die Augen und weiß: Es wird definitiv kein sechstes Kind geben. // * isst 6-Monats-Packung Antibabypille * schnallt Keuschheitsgürtel um * schmeißt Schlüssel weg * zieht ins Kloster * auf den Mount Everest //

Mein Kaffee wird kalt, weil ich feststellen muss, dass Pampers keine 12 Stunden Trockenheit bescheren und weinend dreimal Bettwäsche abziehe. Und eventuell kam die Vierjährige gerade mit einer mir völlig unbekannten Schere aus dem Kinderzimmer und ich suche ihre Haare nun auf Kanten ab. Mein Sohn zeigt mir im nächsten Moment sehr stolz die mit Penatencreme eingeriebenen Sofakissen. Währenddessen springt die Vierjährige mit nacktem Bobbes durchs Bild und ruft: „Pups!“ Der Tag hat Potential.

Wir verlagern den Kriegsschauplatz und gehen mit vier von fünf Kindern auf einen Osterbrunch mit Hüpfburg. Die übrigen Kinder hier weinen leise, weil sie keinen Platz mehr dort haben. Am Nachmittag ziehen wir weiter. Beim Osterfeuer im Ort gibt es auch eine Hüpfburg. Ratet – bitte – wessen Kinder auch diese Hüpfburg beschlagnahmt haben.

Ostersonntag

Der Osterhase war da! Und es gibt kaum Geschrei ob der unterschiedlichen Geschenke. An der Stelle hätte ich Lunte riechen müssen. Hab ich aber nicht. Weil ich schon den dritten Tag von Kindern eingekesselt bin und sich mein Stammhirn gerade in Wohlgefallen auflöst. Es war ja auch vollkommen klar, dass die Vierjährige ihre Meerjungfrau-Barbie vom Osterhasen gleich mal großzügig mit rotem Lipgloss einbalsamiert. Die sieht jetzt aus, als hätte sie mit einer ernsthaften Bindehautentzündung zu kämpfen. Nebenbei entdecke ich den Life-Hack des Jahrhunderts! Nach vier Jahren ununterbrochenem Wickeln, Handtücher auflegen und Mulltücher zurechtzupfe, entdecke ich, dass normal große Kopfkissenbezüge auf Wickelunterlagen passen! Grandios! Ich feiere das mit einem weiteren kalten Kaffee.

Eventuell bringt der zweite Teenager des Hauses am Nachmittag ein uns völlig unbekanntes Kind mit nach Hause und zeigt ihr jedes Zimmer, auch den Wäschekorb und das Waschbecken im Bad. Eventuell habe ich Fragen. Ja! Wir haben ein Waschbecken! Da kommt sogar Wasser aus dem Hahn! Ok – damit auf keinen Fall Langeweile aufkommt – hat die Vierjährige beschlossen, nicht mit uns zu Abend zu essen und hat stattdessen die Klobrille mit Penatencreme eingeschmiert und ich hab mich drauf gesetzt. Ich entscheide mich, den Abend bei einem Punkrock-Konzert ausklingen zu lassen. Das wird schön ruhig.

Ostermontag

Warum dauert Ostern so lange? Und warum zum Geier haben die drei Kleinsten hier Wachsmalstifte in ihren Osterkörbchen gehabt? Vielleicht haben wir heute Morgen fünf Minuten länger als die Vierjährige geschlafen und jetzt ziert ein hübsches Wachsbild das Laminat im Wohnzimmer. Klassischer Anfängerfehler. Der nächste Kaffee wird kalt. Die Zwillinge fanden die Idee mit Wachsmalstiften auf Laminat auch top! Ich geh nie wieder auf Toilette. Putze nun Wachs vom Laminat mit Feuchttüchern – in der Küche, dem Esszimmer und dem Wohnzimmer. Kinder sind so toll!

Während ich im Wohnzimmer abgelenkt bin mit Schrubben, nutzt die Vierjährige die Gunst der Stunde und reibt mit der Zahnbürste ihres Bruders Zahnpasta in den Badezimmerteppich ein. Scheinbar habe ich auch noch nicht alle Wachsmalstifte gefunden. Der Teppich im Kinderzimmer ist jetzt lila.

Wisst ihr – kippt den nächsten kalten Kaffee weg – ich setz mich jetzt in eine Ecke und halte mir die Ohren zu. Vielleicht passiert nix Schlimmes mehr. Vielleicht doch. Ich kann`s ja eh nicht ändern. Morgen gehen die drei Kleinsten wieder in den Kindergarten und ich lass mir beim Friseur die verbliebenen drei Kopfhaare in Form bügeln. Dann schlaf ich dort vielleicht ein und träume von Wachsmalstiften.

Ich wünsche euch allen Frohe Ostern! Und wenn ihr Schokolade esst, denkt an mich. Ich könnte sie gerade gut gebrauchen. Danke.

4 Kommentare bei „Ostern war früher auch mal ruhiger“

  1. Wann ist das Drehbuch für diesen Film fertig? Die Regisseure stehen garantiert Schlange und Deine Kinder sind eine Zeitlang mit Dreharbeiten beschäftig- Du schaust dabei entspannt mit einer heissen Tasse Kaffee zu. Halte durch!

    1. Auf den heißen Kaffee ☕️ freu ich mich!

  2. Angeber mag niemand leiden. Hier ist der Dienstag noch die Kita zu und ich habe die Terroristen zu Hause.
    Grandios geschrieben!

  3. das tut mir wirklich von Herzen leid! // Danke!

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