Was am Ende wirklich zählt

Gestern war ein richtiger Scheißtag. Anstrengend, vollgepackt mit Terminen und Autofahrten. Das bedeutet dann meist Kinder von A und B einsammeln, nach C fahren, nach A zurück und ab nach D, noch mehr Kinder einsammeln und wieder zurück nach A und von da aus nach E, weil es so viel Spaß macht. Kommt sicher der ein oder anderen Mama bekannt vor. Diese Tage bleiben nicht aus, wenn man einen Stall voller Kinder hat. Wenn der Papa des bunten Haufens Spätdienst hat, bleibt leider  alles an mir hängen und solche Tage gehen meistens ganz grandios in die Hose. Fünf Kinder sind dann fünf potenzielle Katastrophen, Mama irgendwie auch. Das beginnt dann auch gerne mit genervtem Türen knallen kurz nach sieben Uhr morgens. Für solche Momente lebt man doch, ne? Nee!

Kinder geben einem so viel: schlechte Laune, Dreckwäsche, verspätete Notenzettel, Gestank und Diskussionen mit enorm hohem Aggressionspotenzial. Damit man den Nachwuchs nicht ungespitzt in den Boden rammt oder über eBay Kleinanzeigen als Minenarbeiter verschachert, wartet die Natur meiner Meinung nach mit einem ganz hinterhältigen Trick auf: Kleinkinder und Babys sind mit Vorsatz niedlich, damit man sich in brenzligen Situationen daran erinnert und sie trotzdem liebt.

Allerdings ist der Tag halt mittelschwer gelaufen, wenn ich schon vor dem ersten Kaffee lautstark konstatieren kann: „Ich hasse Kinder!“ Da sitzt du dann später mit einem der Teenager beim Kieferorthopäden und hörst mit wachsender Pulsfrequenz den Lügengeschichten zu, die sie da zum Besten gibt, bevor dir der Kragen platzt und du ins Geschehen eingreifst. Wusstet ihr, dass es keine signifikanten Verbesserungen am Gebiss gibt, wenn man die Zahnspange nicht trägt? Verrückt, oder? Wusstet ihr, dass auch Kieferorthopäden dann streng werden können und einen Abbruch der Therapie in Aussicht stellen, da auf den Zahnspangenträger scheinbar kein Verlass ist? Und wer ist schuld? Genau! Ich! Glaubt zumindest das Kind, das immer dann, wenn ich nicht aufmerksam beobachte, die blöde Spange wieder rausnimmt und damit die Behandlung sabotiert. Was Zeit und Geld und Nerven kostet. Aber hey! Yolo!

Kurz darauf fragt sie, ob sie ihr Handy wiederhaben kann, das ich gestern Abend eingezogen habe, weil sie ihre Aufgabe, die Kleinen zu beaufsichtigen, damit ich kochen kann so großartig erledigt hat. Man sieht halt nicht, dass die drei apokalyptischen Reiter den Esstisch mit Buntstiften bearbeiten, wenn man zwei Zimmer weiter im Bett liegt und am Handy zockt. Um William Shakespeares „Hamlet“, Akt II, Szene IV, Vers 48 zu zitieren: „Nein!“ Und – Zack! – bin ich zum zweiten Mal an diesem Tag schuld an ihrem Ungemach. Ich beantworte das mal so charmant wie sie sonst – mit einem Schulterzucken. Ob sie zur AG Entspannung gehen könne. Klar. Gibt mir auch ne Stunde Entspannung. Zumindest von einem der fünf Nervenkitzler hier.

Während also ein Teenie zur AG Entspannung geht, liegt der andere Teenie auf dem Bett und prägt sich ein, dass die Sahelzone gleich neben der Sahara bei Grönland liegt. Die Vierjährige räumt alle Kostüme im Kinderzimmer aus und verteilt sie auf die gesamte Wohnung. Die Zeit, in der ich hinterherlaufe, um die Kostüme wieder einzusammeln, nutzt das Zwillingsmädchen, um sein neues Talent – das Wasserbecher umschubsen – im Wohnzimmer zu üben. Neben ihr packt der Zwillingsjunge die CDs aus dem Schrank. Und während ich so völlig entspannt am trockenwischen und einräumen bin, fällt mir auf, dass der Teenie seit zwei Stunden überfällig ist. Die Arbeitsgemeinschaft ist schon lange vorbei. Anrufen kann ich sie nicht, hab ja das Handy eingezogen, ich Depp. Also mach ich mich auf die Suche und treffe an der Schule die Hortnerin an, die die AG Entspannung durchführt, die mir dann völlig entsetzt mitteilt, dass die AG doch heute ausgefallen sei und sie alle Kinder umgehend nach Hause geschickt habe. Entspannend!

Da ich nix besseres zu tun habe, laufe ich das Dorf ab und frage bei ihren Freunden nach, ob sie da ist. Natürlich nicht. Schnaps ist verlockend. Zu Hause angekommen ist sie da. Ich habe ihr erlaubt erst später nach Hause zu kommen. Amnesie! Ich leide unter Amnesie! Nein. Ich werde einfach nur frech angelogen und habe innerlich einen Homer-Bart-Moment. Ich überleg mir später was, denn aus den Augenwinkeln sehe ich, wie die Zwillinge von mehreren Seiten des Esstisches Anlauf auf mein Handy nehmen. Also geh ich erstmal dort hin und bekomme in diesem Moment eine Nachricht von meinem Mann. Ein Selfie aus einem Krankenhauszimmer. Ich solle mir keine Sorgen machen und ruhig bleiben. Soll mich um die Kinder kümmern. Nix schlimmes, er hatte wahrscheinlich einen Herzinfarkt.

Da siehst du deine Kinder in Zeitlupe auf dem Tisch rumkrabbeln und hörst ihr Geschrei wie durch Watte. Da hast du plötzlich einen schweren Stein auf der Brust und hast Angst. Angst deine andere Hälfte zu verlieren, Angst den Vater deiner Kinder zu verlieren. Angst. Einfach Angst. Das Geschrei der Kinder ist plötzlich nicht mehr schlimm, das umgekippte Glas Wasser auch nicht. Aufstehen, ins Auto steigen, in die Notaufnahme fahren – das willst du. Deine Kinder allein lassen kannst du aber auch nicht. Ruhig sollst du bleiben, schreibt er. Dass die Krankenschwestern hier fürchterliche Lästerschwestern sind, sagt er. Dass die Ärzte alle durcheinander reden und sie ihm schon 15 Liter Blut abgezapft haben, schreibt er. Da lachst du, unter Tränen. Dein kleiner Sohn kommt zu dir und streichelt deine Wange und du weinst noch mehr. Deine Tochter kommt zu dir und gibt dir einen Kuss auf den Arm. Dein Mann schreibt, dass alles gut wird. Du möchtest das gerne glauben.

Und als du in der Nacht dann doch noch in der Notaufnahme stehst und einen ganz widerlichen Cappuccino aus dem Automaten im Wartebereich trinkst und ein blasses Häufchen Elend Mann um die Ecke schlurft und schief lächelt, dann versöhnt dich das doch ein wenig mit dem Scheißtag. Du hast Nerven verloren, aber nicht deinen Mann. Es war kein Herzinfarkt. Gott sei Dank. Du hast dich mit Teenagern gezankt und fluchend hinter Kleinkindern hergeräumt. Aber sie sind gesund. Alle. Du hast niemanden verloren. Deine Arche ist noch intakt. Die See war stürmisch, aber niemand ist über Bord gegangen. Wen interessieren da ein paar Löcher im Segel. Du hast alle um dich, die du liebst. Und das ist es, was am Ende des Tages zählt.   

4 Kommentare bei „Was am Ende wirklich zählt“

  1. Zum Glück ist alles gut ausgegangen! Ich wünsche euch allen noch viele viele Jahre ganz viel Gesundheit und Dir einen Satz extra Nerven!

    1. Ich danke dir, Herzblatt!

  2. Im übrigen funktioniert die pflastertherapie auch nur wenn selbiges getragen wird, verrückt oder? Meine Tochter glaubt jeden Tag mit mir diskutieren zu müssen, klar ist das nicht toll den ganzen Tag nur 18% zu sehen aber ich kanns nicht ändern, wer ist daran Schuld? Natürlich ich! Btw gut das bwi deinem Mann alles okay ist!!

    1. Verrückt, ne. xD Bei der Pflastertherapie hab ich ja hier zwei Kandidaten, die immer überzeugt werden müssen, dass Piraten mit Augenpflaster halt cooler als der Rest sind. Danke <3

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