Kniegelenksgeschichte – das Musical.

Teil 3 – Rehabilitation my ass.

So, die OP ist geschafft. Ich bin auf meinem Hintern zu Hause die Treppe hochgerobbt, habe meinem fünfjährigen Sohn zugesehen wie er den Duschhocker für mich zusammenschraubt und dann habe ich das geschundene Knie auf einem Venenkissen ruhiggestellt. Aber nochmal zu meinem Sohn: Wie kann ein Fünfjähriger ohne Bedienungsanleitung, die er ohnehin noch nicht lesen könnte, einen Duschhocker aufbauen und das auch noch komplett richtig? Gut, danach hat er seine Zwillingsschwester umgeschubst, das relativiert den Erfolg ein bisschen. Aber hey! Krasses Kerlchen. Jetzt kann ich mich agil wie eine Hundertjährige auf den Hocker plumpsen lassen und duschen. Fantastisch!

Am Tag der OP bin ich noch so herrlich vollgepumpt mit Schmerzmitteln und fühle mich ein bisschen unbesiegbar, weil das Laufen an Gehhilfen erstaunlich gut klappt. Am zweiten Tag find ich das alles gar nicht mehr so cool, denn der Mullverband saugt sich mit Blut voll und ich muss den erstmal wechseln. Unschön. Also versuche das Bein ein bisschen weniger zu belasten. Klappt halt nicht so gut, wenn tagsüber niemand da ist, der mir mal was zu Trinken oder zu Essen bringt. Gegen halb zwei ist der Hunger dann so groß, dass ich mich in die Küche quäle und dort verstörend unbeholfen Nahrungsmittel zusammensuche. Mit Brötchen im Beutel und der Isolierkanne am Griff der Gehhilfe stakse ich zurück zum Bett und habe gar keine Lust mehr auf den Rest des Tages, aber da ruft schon ein netter Mann von der Medizintechnik an, der mir im Auftrag der Unfallchirurgie die Bewegungsschiene liefern und erklären will. Und als es klingelt, ruft der Gatte aus dem Erdgeschoss „Hast du was an?“, bevor er den Krankenpfleger rein lässt. Nee, herrgottnochmal, ich hops hier nackig an Krücken durchs Haus und singe lustige Lieder! Und wenn ich grad so drüber nachdenke, hätte besagter Gatte mir nicht mal was zu Trinken bringen können? Nee? Hm? Für hohen Puls brauch ich keinen Kaffee, dafür hab ich scheinbar vor Jahren geheiratet. Naja.

Jetzt hab ich hier eine Bewegungsschiene, einen vollgesuppten Mullverband, die ZDF Mediathek und Marshmallows. Abnehmen würde ich auch noch wollen. Demnächst. Aber eigentlich will ich grad bloß gehen. Irgendwohin. Zehntausend Schritte am Tag. Aktuell liege ich bei 70.  Und wenn die Kinder mir weiter ab Nachmittag minütlich Weihnachtsplätzchen ans Bett bringen, dann brauch ich keine Gehhilfen mehr, dann roll ich mich die drei Meter bis ins Bad. Und dann macht der Chirurg seine Drohung wahr und operiert mich nochmal und darauf hab ich echt keinen Bock. Denn dann will er aus meinen X-Beinen O-Beine machen, um Entlastung zu schaffen. Und jetzt mal ernsthaft, wie seh ich denn mit O-Beinen aus? Bin ich ein Fußballer? Dann doch lieber die Weihnachtsplätzchen in die Schublade packen und artig Danke sagen. Die Kinder hier sind wie meine Oma, völlig unempfänglich für ein „Nein“. Absolut toll. Die werden mal großartige alte Menschen. 

Wo wir gerade bei alten Menschen sind: Ich könnte auch ein bisschen sticken. Keine Ahnung wie das geht, aber ich habe mir in einem Moment geistiger Umnachtung ein Stickerei-Seit bestellt, weil ich dachte, das könnte gut werden. Aber ich finde im Schlafzimmer keine Schere für die Fäden und im Haus sind überall kleine Absätze und Treppenstufen eingebaut, die mit Gehhilfen zu potentiellen Todesfallen werden. Also denke ich bloß ans Sticken und streame Katastrophenfilme. Man soll zur Genesung ja auch mal fernsehen, zur Entspannung. Ich gucke halt „Contagion“ und „Outbreak“, Realität gewordene Pandemiefilme. So schnell kann’s gehen. Fühlt sich an wie ne Echtzeit-Doku in Dauerschleife. Diese Welt ist ganz schön schräg. Zurück zu meinem Bein, das liegt auch schräg. Und langsam lassen die Schmerzmittel nach und ich mag‘s ganz ehrlich nicht. 

So. Und jetzt Bewegungsschiene. Das wird was. Nachdem ich mehrfach vergeblich ins Haus nach Hilfe gerufen habe, hab ich es geschafft, das acht Kilogramm schwere Ding auf einem Bein stehend selbst aufs Bett zu wuchten und in die Steckdose einzustöpseln. Halleluja. Es quietscht. Und es hebt und senkt und winkelt sich an, dieses Folterinstrument. Eine halbe Stunde lang. Anwinkeln, strecken, anwinkeln, strecken. Hatte ich erwähnt, dass in der kommenden Woche die Physiotherapie losgeht und ich da zum Chef muss und der mich bestimmt quält? Anwinkeln, strecken, anwinkeln, strecken.

Genesung nach einer OP scheint ja der reinste Stress zu sein. Nach der ersten Einheit mit der Bewegungsschiene, hab ich meinen Termin zum Verbandswechsel und humpele ganz locker-flockig in die Praxis. Dort guckt die Schwester ganz verdutzt und meint, dass so eine starke Blutung ungewöhnlich sei, der kontrollierende Arzt vermutet, dass ich bei der ersten Arthroskopie vor 23 Jahren noch ein Baby gewesen sei und da hat jemand grad frisch durchgewischt und ich rutsche aus, kann mich aber zirkusreif mit meinen zwei Unterarmstützen irgendwie balancieren und krache nicht hin. Schön. Im nächsten Leben mach ich was ohne Knie.

Zu Hause wartet meine große Tochter schon, nachdem ich die vierzehn Stufen zum Schlafzimmer wieder auf dem Hintern hochgerutscht bin und mich in die Küche gequält habe, um mich gleich wieder zu verscheuchen. Aber immerhin macht sie mir was zu Essen und ich kann mich aufs Bett legen. Das ist gut. Dort lacht mich aber schon wieder die Bewegungsschiene an und ich würde ihr gerne sagen, dass sie ne dusselige Kuh ist, aber sie will mir ja nur helfen. Und ihr seht, die Genesung macht mich derart kirre im Kopf, dass ich schon anfange Maschinen zu vermenschlichen. Es geht bergab mit mir. Oder bergauf. Wie man’s nimmt. Tschüss.

Bilder: www.pexels.com

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