Kniegelenkskaputtgeschichte.

Teil 1 – Das Knie, der Bauch, Hurz.

Mit 18 Jahren bin ich beim Tanzen blöd mit dem Knie gefallen und hab mir einen Meniskusriss zugezogen. Nach einer Arthroskopie und einer halbherzigen Physiotherapie, konnte ich wieder laufen, war aber immer eingeschränkt mit dem rechten Bein. Das Knie konnte ich nie wieder anwinkeln wie vorher, geschweige denn mit beiden Beinen in die Hocke gehen. Unmöglich. Mit 41 Jahren dann bin ich bei der Gassirunde mit unserem Hund in einer Pfütze umgeknickt und hab mir den Knöchel gezerrt, rechts natürlich. Da fing das Knie auch wieder an zu schmerzen. Und zwei Monate später bin ich sagenhaft über einen Legostein gestürzt und hab mich scheinbar ganz formidabel erneut am Knie verletzt. Den Mordanschlag aus der Spielzeugkiste habe ich knapp überlebt, aber seither bin ich Stammgast in der Unfallchirurgie, lasse mich ins MRT schieben oder mein Knie mit Ultraschall durchleuchten. Seither führe ich Gespräche über künstliche Kniegelenke und minimal invasive Schadensbegrenzung, Gewichtsreduktion und Rehas. Seither muss ich mich mit dem Gedanken anfreunden, in Kürze erneut operiert zu werden. Ihr ahnt es: Ich hab echt Pech beim Gehen.

Und weil ich besser leide, wenn ich mein Leid teilen kann, erzähle ich einfach davon. Dann erzähle ich davon, dass der Chirurg vor einigen Wochen tief Luft holte, bevor er mir sagte, dass er in seiner ganzen Laufbahn noch nie ein so katastrophales Knie bei einer Vierzigjährigen gesehen hätte. Okay, ich bin 41, aber man nimmt die Komplimente in meinem Alter wie sie fallen. Und ich falle ja auch scheinbar echt gerne. Als er dann allerdings nachschob, dass ich mittelfristig 30kg abnehmen müsse, konnte ich ihn nicht mehr leiden.

Bin dann nach Hause, hab kurz geweint und die Chips entsorgt. Nicht in meinen Bauch, in die Tonne. Anstehende Operationen und damit verbundene Schmerzen legen ja völlig ungeahnte Motivationen frei. Die reichen ungefähr drei Wochen bis Heiligabend und dann frisst man (ich) sich drei Tage lang durch den Vorratsschrank. Was hab ich auch Lachsrolle und Pizzabrötchen gemacht. Wenn die schon mal da sind, muss ich die auch essen. Und die Oma hat Schokolade unter den Weihnachtsbaum gelegt, das Wochenlager vom Rewe zwei Orte weiter. Wenn die Süßigkeiten zu lange rumliegen, werden sie ja auch nur schlecht. Wäre schade drum. Ihr ahnt es: Ich hab auch Pech beim Verzicht auf Süßigkeiten.

Jetzt sind diese unseligen drei Tage Weihnachten aber vorbei und ich versuche wieder abzuspecken, denn die Arthroskopie rückt in greifbare Nähe. Acht Tage bis Lokalanästhesie.

Damit mir nicht langweilig wird, überlege ich derweil, wie ich denn ohne Sport abnehmen kann. Egal was mir einfällt, es belastet das Knie und ist verboten. Mit der Arzthelferin bin ich verschiedene Sportarten durchgegangen, bis sie nach einer Weile final beschloss: „In Ihrem Fall geht es nur mit FdH.“ Friss das Haus? Fütter die Hummeln? Finde deine Hängematte? Ja ja, ich weiß was das heißt. Aber echt mal. Ein halbes Raffaelo? Ein halber Hot Dog? Eine halbe Pizza? Das ist barbarisch. Und ja, ich weiß, machbar. Also faste ich ein bisschen herum, esse weniger Süßes und trinke mehr Tee.

Es gibt ja für jede Stimmung einen Tee, für jeden Tag, jede Handbewegung und jedes Wetter. Ich kenne sie alle und mag weniger als die Hälfte auch nur annähernd so gut, dass ich dafür das künstliche Aroma meines Bratapfel-Tees in der Schublade lassen würde. Immer wenn ich mir eine neue Tasse, Kanne, Gallone Bratapfel-Wasser aufsetze, freue ich mich über meinen neuen Fetisch und plane schon mal die nächsten eins bis vierundsiebzig Toilettengänge ein. Hab nämlich auch noch Brennesseltee da und der entwässert so schön. Hat Oma schon gewusst. Abnehmen ist so spaßig, ich fang schon wieder an Porridge zu kochen und Gemüse für gesund Suppen zu schneiden. Könnt ich den ganzen Tag machen. Und dann hab ich solange gekocht, dass ich nicht so viel essen kann wie ich möchte, weil das Fastenintervall schon wieder anfängt und als alter Streber will ich das natürlich durchziehen, weil ich mich dann über mich selbst freue. Noch jemand so leicht zu erheitern wie ich?

Also: wenn ich mich lange genug darüber aufrege, dass ich weniger essen darf, ständig Tee trinke und in Korrelation dazu auch ständig zur Toilette muss, aufwendige Gerichte koche, die mich stundenlang beschäftigen und ab 20 Uhr freudig erregt auf dem Sofa sitze, weil ich jetzt offiziell nix mehr essen darf, damit das Fasten auch gelingt, dann nehme ich ab. Oder so. 

(Geht demnächst weiter. Ich muss erst was essen.)

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2 Kommentare

  1. Ich fühle mit dir. Habe mir mit 20 das Knie(rechts)verdreht und seitdem immer wieder Probleme damit. Ach ja…Arthrose in allen Gelenken wurde dann auch gleich festgestellt. Nach 7! Artroskopien im hiesigen KH die alles noch schlimmer gemacht haben wurde mir mit 43 in der Uniklinik erklärt da wäre nichts mehr zu retten und nur eine Umstellungsosteotomie würde ein neues Gelenk hinaus zögern denn schließlich wäre ich “noch zu jung” für ein neues Gelenk.(ob das als Kompliment gemeint war überlege ich heute noch).
    Jetzt bin ich fast 55 und habe übelst Probleme mit dem Knie. Die Platte die nach 1 Jahr raus sollte ist immer noch drin weil ich mit 44 einen schlimmen Herzinfarkt hatte und niemand operieren wollte.
    Im Moment fühlen ich mich körperlich wie 110 und mental wie 25. Passt irgendwie auch nicht zusammen.
    Mal sehen wann ich endlich einen Termin für ein neues Knie bekomme. Ist durch die Pandemie schwiriger zu bekommen als einen Audienz beim Papst…
    Viel Glück bei der OP und lass den Kopf nicht hängen.
    Das ich abnehmen soll höre ich auch im wieder. Wenn ich dann erkläre das nach 60kg nicht mehr runter geht wird nur noch dumm geguckt und erklärt das es aber besser wäre. Dann sage ich immer das ich stolz darauf bin “nur noch” 95kg zu haben und man das erst mal nachmachen soll.
    Pass auf dich auf.
    Du rockst das schon.

    1. Respekt vor der krassen Gewichtsreduktion! Das muss man erstmal schaffen! Ich wünsche dir alles Gute und hoffe, dass sich bald ein Termin für dich findet!

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