Kniegelenkskaputtgeschichte – aua.

Teil 5 – Let‘s get physical.

Das Offensichtliche zuerst: Physiotherapie, also meine Physiotherapie, ist offensichtlich Quälerei. Denn die Praxis liegt im ersten Stock, ohne Fahrstuhl. Aber mit hübscher Wendeltreppe. Seit dem Aufwachen überlege ich wie ich schadlos die Stufen hochkomme. Das wird noch spannend. Vielleicht bleib ich auch unten im Flur stehen und fuchtel wild mit den Gehhilfen herum. Die erste Herausforderung wartet aber auf mich, ehe ich überhaupt in die Nähe der Treppe komme. Ausgerechnet heute wurde die Hecke entlang des Zugangsweges entfernt und der gesamte Weg liegt voller Äste. Die Arbeiter schauen ganz interessiert zu wie ich mich da durchkämpfe. Fühle mich wie Lara Croft. Oder ein torkelnder Pinguin. Sucht es euch aus. Einer der Mitarbeiter der Praxis steht gerade vor der Eingangstür und beobachtet ganz fasziniert, wie ich mich mitsamt Gehhilfen die Stufen hochheddere. Ich bin heute 1a Anschauungsmaterial.

Nach der Eingangstür kommt die Wendeltreppe und als ich die unter erheblichen Wirksamkeitseinbußen meines Deos erklommen habe, verkünde ich nach Betreten der Praxis, dass ich hiermit eine Einheit Physiotherapie schon hinter mich gebracht habe. Grillenzirpen. Die Sprechstundenhilfe guckt verwirrt hinter der Plexiglasscheibe vor und nebenan springt gerade ein Kaffeeautomat an. Schön. Ich schnaufe. Ich hyperventiliere. Ich fülle meinen Patientenbogen aus und darf mich dann auf eine Liege legen.

Ich sag euch, Physiotherapie ist schlimmer als Schlussverkauf im Woolworth. Das schmerzt wie Hölle! Da stellt die Therapeutin einfach mal fest, dass ich mein Bein nicht komplett strecken kann und bearbeitet es so, dass ich mich zum Schmerz wegatmen an die Atemübungen aus dem Geburtsvorbereitungskurs erinnere, den ich nie besucht habe. Wie lange dauern eigentlich dreißig Minuten? Warum sind die Vorhänge gestreift und der Bezug der Liege nicht? Hab ich am Eingang meine Hände desinfiziert? Und wie bin ich nochmal die Treppe hochgekommen? Ok, davon streckt sich mein Bein leider auch nicht durch. Es zieht. Ich verziehe das Gesicht. Die Therapeutin drückt. Beugt. Drückt. Massiert das Bein. Ich jaule leise. Die halbe Stunde ist vorbei und ich fühle mich, als hätte ich drei Wochen Bootcamp hinter mir. Nächste Woche geht es weiter und ich frage mich, ob mir meine Mama eine Entschuldigung schreibt.

Die Treppe herunterzuhumpeln ist wesentlich einfacher als hochzuschnaufen, man glaubt es kaum. Die Äste auf dem Gehweg sind weg. Wo bleibt denn da die Herausforderung? Dafür steht da jetzt ein Bagger. Und an dem kämpfe ich mich ähnlich schwungvoll vorbei wie Indiana Jones sich einst durch den Tempel des Todes. Weil es noch dauert bis ich abgeholt werde, holpere ich hochmotiviert zur Praxis meiner Hausärztin 100 Meter weiter. Himmel, Arsch und Zwirn, ist das weit! Ich hab das Schreiben vom Chirurgen noch im Rucksack, das ich bei ihr abgeben möchte und weil ich grad einen Lauf hab, lasse ich am Tresen meine Gehhilfen beidseitig von mir wegfallen. Das Aufheben macht dann doppelt Spaß. Immerhin hab ich das jetzt auch erledigt, den Brief abgeben, nicht das Gehhilfen aufheben. Das mach ich ständig. Ich reiß damit auch Bilder von der Wand und Gläser vom Tisch. Die Dinger sind wahre Alleskönner. Herrlich. Sollte jeder mal probieren. Fünf von fünf Sternen.

Trotz allem Jammer, meinetwegen auch Gejammer, werde ich wohl in ein paar Tagen wieder zur Physiotherapie gehen und bis dahin meine Hausaufgaben machen: Bein durchstrecken, schnaufen, nochmal durchstrecken. Toll. Vielleicht ist mein Bein aber auch einfach nur eingegangen, wie meine Strickjacke im Trockner und ist deshalb geknickt. Ich weiß es nicht. Vielleicht hilft das Gequäle ja doch. Und dann brauch ich irgendwann die waffenscheinfähigen Unterarmstützen in lilaglänzend-schwarz wahrscheinlich nicht mehr. Ein Jammer.

Foto: www.pexels.com

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